Quelle: missler 04/08
Interview mit Carsta Gutte, Expertin Arbeitnehmerüberlassung
Anzahl der Zeitarbeitnehmer verdreifacht / Neuer Ausbildungsberuf zum Personaldienstleistungskaufmann
Seit Jahren steigt in Deutschland die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Zeitarbeit an. Doch liegt die Quote bei der Arbeitnehmerüberlassung im Vergleich zu unseren Nachbarländern noch immer zurück. Während in Frankreich circa 2,1, in den Niederlanden 2,5 und in England fünf Prozent der Arbeitnehmer in Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt sind, ist es hierzulande nur ein Prozent. Es besteht also einerseits Entwicklungspotenzial, andererseits drohen der Branche durch den Mindestlohn Einbußen. Wie wird sich der Zeitarbeitsmarkt künftig entwickeln? Missler sprach mit Carsta Gutte, Chefin der PiT Personalservice im Takt GmbH.
Wie ist derzeit die Konjunktur auf dem Zeitarbeitsmarkt?
Sehr gut. Allerdings fehlen jetzt Bewerber - so wie wir es im Jahr 2000 erlebt haben. Aber eben auch deshalb gewinnen Zeitarbeitsfirmen zunehmend Bedeutung. Denn angesichts der demografischen Entwicklung wird es immer schwerer, geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszuwählen und passgenau einzusetzen. Erfahrene Zeitarbeitsexperten unterstützen dabei professionell die Personalabteilungen der Unternehmen.
Dass es der Branche nicht schlecht geht, sehen Sie auch daran, dass es derzeit bundesweit rund 5000 auf Personalvermittlung spezialisierte Zeitarbeitsfirmen gibt. Und die Zahl der beschäftigten Zeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer in Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht. Zeitarbeit gilt zu Recht als Jobmotor und ist am Wirtschaftsaufschwung beteiligt.
Wie stehen Sie zum Mindestlohn?
Einen Mindestlohn finden wir gut, da es bei unseren Verbänden - wir sind Mitglied im Bundesverband Zeitarbeit Personaldienstleistungen - Tarifverträge gibt. Es gibt genügend Zeitarbeitsfirmen, die ein Preisdumping betreiben, aber das sind schwarze Schafe, niemand will einen Stundenlohn von drei Euro.
Ab August 2008 gibt es den Ausbildungsberuf Personaldienstleistungskauffrau/-mann - was lernt man da?
Die Ausbildung für Personaldienstleistungskaufleute dauert drei Jahre.
Personaldienstleistungskaufleute lernen, wie man um geeignetes Personal wirbt, wie man es professionell auswählt und berät, wie man einstellt und vermittelt. Sie lernen rechtliche Grundlagen des Arbeits- und Tarifrechts und der Arbeitnehmerüberlassung und vieles mehr. Nach Abschluss der Ausbildung arbeiten die jungen Leute zum Beispiel als Personaldisponenten, Personalsachbearbeiter oder Personalreferenten in Personalabteilungen oder bei Personaldienstleistungsunternehmen. Außerdem ist ein neuer Fortbildungsberuf zum Personaldienstleistungsfachwirt geplant.
Wo akquirieren Sie gutes Personal? Worauf kommt es an?
Wir versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, Arbeitsamt, Zeitungen, Jobbörsen und auch Arbeitsagenturen. Um eine gute Arbeitnehmerüberlassung oder eine Personalvermittlung zu tätigen, muss der Personalberater die Firma gut kennen und ein gutes Händchen für die Kandidaten haben. Unser Team lässt Profile erstellen, damit der Kunde sich ein Bild vorab machen kann. Auch klären wir die Wünsche der Bewerber vorab. Zudem haben wir durch unsere Coaching-Abteilung mehr Möglichkeiten, für die Bewerber die richtige Firma zum Wohlfühlen zu finden.
Welche Berufe werden zurzeit gesucht? Wie sieht Ihr Portfolio aus?
Viele Berufe sind gefragt, Speditions-, Bank-, Schifffahrts- und Außenhandelskaufleute etwa, aber derzeit auch besonders gute Buchhalter. Wir besetzen alle Branchen im kaufmännischen Bereich, nur keine Callcenteragenten. Vor Jahren hatten wir sehr viele Redaktionssekretärinnen, aber seit 2002 haben wir kaum noch Verlage und Werbefirmen als Kunden.
Ihre Prognose für die Zukunft?
Wir werden in den nächsten fünf Jahren gut zu tun haben, aber wir müssen wachsam sein. Wenn die Auftragslage wieder schlechter werden wird und der Bedarf an neuen Mitarbeitern nicht mehr so stark ist, haben wir mit unserer zweiten Firma - der People in Time GmbH - die Möglichkeit, durch Outplacement und Coaching den Firmen in anderen Bereichen zu helfen. Überhaupt spielt die Psychologie im Berufsleben eine entscheidende Rolle. Einer Untersuchung der Europäischen Beobachtungsstelle für berufsbedingte Risiken zufolge sind vermutlich bis zu 60 Prozent aller versäumten Arbeitstage auf Stress zurückzuführen. Das kostet die Unternehmen etliche Millionen Mark. Um so wichtiger ist es, dass alles getan wird, dass sich Arbeitnehmer in den Unternehmen wohlfühlen.